Fund auf dem Kartoffelacker

Seufzend richtete sich Alice auf, dehnte und streckte ihre Glieder. Schweißtropfen standen auf ihrer Stirn, der Rücken schmerzte vom ständigen Bücken. Bereits den ganzen Vormittag über stand sie gemeinsam mit neun anderen Frauen auf dem Kriepitzer Acker und las Kartoffeln aus dem lockeren Boden. Sie blinzelte ins Sonnenlicht. Ein goldener Herbsttag im Jahre 1950 – wie geschaffen zur Kartoffelernte. Zum Schutz gegen die Sonne bedeckte ein Tuch ihre halblangen, braunen Haare. Sie war barfuß, wie meistens, wenn sie auf  dem Acker arbeitete. Kühler Lehm klebte zwischen ihren Zehen, ihre Beine waren tief braun bis fast hinauf zu den Knien, wo der Saum ihrer Schürze endete. Sinnend ließ sie den Blick über das Feld schweifen – hinüber zu ihrem Elternhaus, das nur wenige hundert Meter weiter zu sehen war. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel und blendete sie. Mit der Hand beschattete Alice ihre Augen und schaute in Richtung Westen, wo sich hinter Elstra die bewaldeten Höhen des Schwarzenbergs, Ausläufer unseres schönen Lausitzer Berglandes, erhoben.

Ein Lächeln umspielte ihre Lippen, denn am nächsten Samstag Abend würde wieder zum Tanz aufgespielt werden – darauf freute sie sich besonders. Tanzen war ihre große Leidenschaft und auch die ihres Freundes Kurt. Die gerade 20-Jährige kannte ihn schon seit mehr als drei Jahren. Genau genommen hatte sie ihn 14 Tage vor ihrem 17. Geburtstag kennen gelernt. Seitdem waren die beiden unzertrennlich. Auch er konnte den bevorstehenden Tanzabend kaum erwarten, denn zusammen waren sie wohl das flotteste Tanzpaar auf dem Parkett. Begann die Musik, hielt die zwei nichts mehr auf ihren Plätzen. Während die anderen Paare gerade aufstanden, um den Tanz zu beginnen, hatten die beiden bereits eine ganze Saalrunde gedreht.

Ihre grau-blauen Augen glitzerten lustig. Flugs wischte sie noch einmal die Hände an der ohnehin schmutzigen Kittelschürze ab und machte sich leise summend wieder an die Arbeit. Die anderen Frauen plauderten und scherzten nur wenig – zu hart war das stundenlange Egge-Lesen. Ein Traktor fuhr langsam neben ihnen über den Acker und schüttete von Zeit zu Zeit die Kartoffeln aus. Flink lasen die Frauen einen Erdapfel nach dem anderen auf und warfen ihn in die bereitstehenden Körbe. Auch Alice ging die Arbeit flott von der Hand – viele Ernten hatte sie schon mitgemacht.

Plötzlich stutzte sie – im Erdreich direkt vor ihr blinkte etwas in der Sonne. Lehm klebte unter ihren Fingernägeln, als sie einen kleinen Dreckklumpen aufhob und näher betrachtete. Das Glitzern kam von einem kleinen, goldenen Flecken. Mit geschickten Fingern drückte sie den Lehm aus der Mitte und hielt plötzlich einen Ring in der Hand. Einen großen und glatten Männer-Reif – scheinbar aus purem Gold. „Oh, was hab ich jetzt gefunden?“, dachte Alice. Laut fügte sie hinzu: „Schaut doch mal, das ist ein Ehering“ und zeigte ihren Fund den anderen Frauen. Diese jedoch lachten nur. „Das ist doch kein goldener Ring!“, riefen sie. Alice zuckte mit den Schultern und meinte: „Ach was, früher gab es gar nichts anderes als Goldringe.“ Sorgfältig wischte sie das gefundene Schmuckstück noch einmal ab. Auch die Innenseite war völlige mit Lehm verkrustet, den sie mit den Fingernägeln entfernte. Einige der anderen lachten noch immer und hatten sich bereits wieder an die Arbeit gemacht. „Ihr seid doch einfach nur neidisch“, meinte Alice und versuchte stirnrunzelnd die Inschrift zu entziffern, welche sie gerade entdeckt hatte. „Anna 1874“, murmelte sie und schaute den Ring noch einmal nachdenklich an. Dann steckte sie ihn in die Tasche und arbeitete weiter.

Einige Tage später hatte sie das Schmuckstück gründlich gereinigt und machte sich mit Kurt auf den Weg nach Kamenz. Wie immer gab es vieles zu besorgen – doch dieses Mal statteten die beiden noch dem Goldschmied einen Besuch ab. Wie sich herausstellte, war der Ring tatsächlich aus gutem 333er Gold. Ein echter Glückstreffer! „Da haben Sie 180 Mark gefunden“, meinte der Goldschmied lächelnd. Doch was sollte Alice mit ihrem Fundstück nun anfangen? Schnell bot ihr der Goldschmied an, den Reif einzuschmelzen und einen Damenring daraus zu fertigen. Für die Fassung suchte sich Alice einen schönen blauen Stein aus. Etwas Gold blieb übrig, woraus Alice ein paar hübsche Ohrringe mit roten Korallenherzen machen ließ, die sie Jahre später ihrer Tochter Elke schenken sollte. Fröhlich lächelnd und Hand in Hand gingen die beiden aus dem Schmuckgeschäft und machten sich auf den Nachhauseweg.

Nur zwei Wochen später, an einem Tanzabend, strahlte nicht nur Alice, als sie von Kurt über das Parkett gewirbelt wurde. Auch der neue Goldring blitzte lustig auf und funkelte im Widerschein der Lampen.

Katrin Kutsche (Januar 2007, erschienen im Lausitzer Almanach)
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