Frosch und Eule

Eines schönen Tages lag ein Frosch auf seinem Lieblingsseerosenblatt am schattigen Rand eines Tümpels. Er war recht zufrieden und döste vor sich hin. Nur ab und an blinzelte er ein wenig mit dem ein oder anderen Auge, sobald ein Insekt zu nah an ihm vorbei schwirrte. Ein plötzliches Summen rechts von seinem Ohr ließ ihn instinktiv die Zunge vorschnellen und – schnapp! – hatte er sie um eine Fliege gewickelt. „Bitte friss mich nicht!“, jammerte die Fliege angstvoll und zappelte wild. Fast hätte sie der Frosch reflexartig herunter geschluckt. Da ihm jedoch ein kleiner Plausch nach dem Mittagessen gerade recht kam, unterdrückte er diesen Impuls und antwortete lispelnd: „Hmmm … Laff mif überlgn.“ Er räkelte sich etwas und machte es sich auf seinem Blatt gemütlich. „Warum follte if dif nifft freffen?“, fragte er.

In Wirklichkeit sagten ihm Fliegen geschmacklich sowieso nicht zu. Vor allem diese ekelhaften Flügel, die ihn beim Hinunterschlucken stets in der Kehle kratzten. Brrrr! Die Fliege jedoch wusste nichts von dieser Abneigung und überlegte ihrerseits, wie sie sich aus ihrer misslichen Lage befreien könnte. Also summte sie genauso höflich wie zittrig: „Verzeiht mir, Herr Frosch, doch ich halte es für meine Pflicht, Sie vor meiner Unbekömmlichkeit zu warnen. Es würde mir leidtun, Ihnen, der Sie Herr über solch einen gut gepflegten, geschmackvollen Tümpel sind, eine Magenverstimmung zu verursachen.“ Selbstgefällig streichelte sich der Frosch den Bauch und quakte dumpf: „Tatfäffliff? Nun ja … ef wäre wirkliff nifft gut, wenn mif Bauchweh von der Inftandhaltung meinef Tümpelf abhalten würde.“

„Vollkommen richtig.“, ächzte die Fliege schwach, denn die Froschzunge schnürte ihr langsam die Luft ab. „Eine Schande wäre das! Jeder hier weiß doch, dass Ihr Tümpel der Treffpunkt im Wald ist – so wunderschön und urgemütlich und perfekt geeignet, um zum Frühstück äh … einen kleinen Plausch zu halten.“ Geschmeichelt lockerte der Frosch etwas die Zunge, sodass die Fliege ein wenig Hoffnung schöpfte. „Ach, weif daf jeder?“, fragte der Frosch selbstgefällig nach. „Natürlich!“, beeilte sich die Fliege zu sagen. „Ihr Tümpel ist weit und breit der beliebteste. Meine Freunde und ich, wir treffen uns regelmäßig unter den schattigen Baumwurzeln in der Nähe des Wassers und genießen die Aussicht.“

„Daf hört man gern.“, erwiderte der Frosch huldvoll und blinzelte aufgeblasen. „Gerade war ich auf dem Weg zu Bekannten, die fremd hier in der Gegend sind“, versetzte die Fliege. Langsam versagten ihre Nerven und sie bekam Angst, dass der Frosch sie – absichtlich oder nicht – doch noch herunter schlucken würde. „Ich war eigentlich gerade auf dem Weg, ihnen die hiesigen Sehenswürdigkeiten zu zeigen.“, sagte sie leise uns setzte zaghaft hinzu:„Sie warten sicherlich schon auf mich.“ In seiner Eitelkeit geschmeichelt – und weil ihm der Fliegengeschmack auf der Zunge langsam zuwider war – spuckte der Frosch die Fliege aus. „Nun gut“, meinte er lässig. „Fliegen Sie zu Ihren Bekannten und führen Sie sie herum. Aber bitte unterlassen Sie künftig das lästige Herumgesumme zur Mittagszeit. Nicht dass Sie mich aufwecken und ich aus Versehen nach Ihrer Reisegruppe schnappe. Auf Bauchschmerzen kann ich verzichten.“ Froh, der Lebensgefahr so knapp entronnen zu sein, schwirrte die Fliege nach einer verunglückten Verbeugung eilends davon. Der Frosch – erschöpft von der Anstrengung – gab sich einem erquicklichen Schlummer hin.
Er hatte nicht bemerkt, dass in den Ästen über ihm eine Eule von dem Gespräch aufgewacht war und jedes Wort gehört hatte. Aufs Höchste amüsiert hatte sie ein lachendes „Schuhuu“ kaum unterdrücken können. Da es für die Jagd noch zu hell war, machte sie sich nicht die Mühe, ihn zu packen und zu verschlingen. Wer sich von einer Fliege in Todesangst schmeicheln ließ und auch noch glaubte, was sie sagte, war es nicht wert zum Abendessen zu bleiben. „Herr des Tümpels also“, brummte sie vor sich hin. „Wir werden sehen …“

Als der Frosch am späten Nachmittag erwachte, hatte er großen Hunger. Fast tat es ihm Leid, dass er den Vormittagssnack verschmäht hatte – doch augenblicklich wallte der Stolz wieder in ihm auf und er betrachtete wohlgefällig seinen Tümpel. Tief versunken in diese Betrachtungen, hätte er fast nicht gemerkt, wie sich ihm ein Storch näherte. Im letzten Augenblick rettete er sich mit einem Bauchplatscher von seinem Seerosenblatt und kroch ans Ufer hinter die Baumwurzeln einer Eiche. Das war so leise geschehen, dass der Storch ihn gar nicht bemerkt hatte. Missmutig – und etwas ängstlich – beobachtete der Frosch den Widersacher und quakte leise vor sich hin. „Was hat der hier zu suchen? An meinem Tümpel.“ Ein leises „Schuhuu“ ließ den Frosch zusammenzucken. Er duckte sich tiefer unter die Baumwurzel und gab keinen Laut von sich. „Ich weiß, wo du dich versteckst“, lachte die Eule. „Aber du musst hier und heute keine Angst vor mir haben. Ich fliege erst später auf die Jagd und nicht an diesem Tümpel.“ Um ihn zu ärgern, fügte sie hinzu: „Außerdem sind Frösche weder besonders nahrhaft, noch wohlschmeckend.“ Schnell sprang der Frosch hervor und quakte entrüstet: „Sind sie wohl!“

„Du solltest mich wahrhaft nicht in Versuchung bringen“, meinte die Eule gefährlich ruhig, fixierte ihn scharf mit goldenen Augen und flatterte einen Ast weiter nach unten. Entsetzt wollte der Frosch fliehen, als die Eule plötzlich sagte: „Warte. Ich kann dir vielleicht einen Tipp geben, wie du den Storch los wirst.“ Mitten im Sprung erstarrt, drehte er langsam den Kopf und schaute nach oben. „Wie soll das gehen?“, fragte er misstrauisch. „Es ist ganz einfach“, erklärte die Eule gelassen. „Geh zu dem Storch, verbeuge dich höflich und sprich ihn darauf an, dass er sich widerrechtlich in deinem Tümpel befindet.“
„Pah! Ein guter Rat ist das“, meinte der Frosch verächtlich. „Der frisst mich, noch bevor ich quak sagen kann.“ Die Eule blickte ihn von oben herab an. Unwillkürlich duckte sich der Frosch wieder. „Wer von uns beiden ist hier eigentlich der Experte für Raubvögel? Ich hätte wahrhaftig ein wenig mehr Grips von dir erwartet, Frosch! Hör mir also genau zu, denn ich kenne diese Störche. Wohl dosierter Höflichkeit, begleitet von einer Verbeugung, können sie nicht widerstehen. An diesem Tümpel erst recht nicht.“ Nachdenklich runzelte der Frosch die Stirn. „Und das soll ich dir abkaufen?“, fragte er vorsichtig. Die Eule schaute ihn wieder scharf an und sagte listig: „Was habe ich denn davon, dich anzulügen?“ Nun schmeichelte sie unverhohlen: „Außerdem weiß ich genau wie jeder andere hier im Wald, dass du der Herr über den Tümpel bist. Das ist schließlich allgemein bekannt – deine Ansprüche sind daher berechtigt und unanfechtbar. Respektvoll und höflich vorgetragen, muss selbst der Storch sich deinen Worten beugen.“ Erstaunt über seine Wichtigkeit und auch ein wenig geschmeichelt, schaute der Frosch erneut nach oben. „Und du bist sicher, dass das funktioniert? Schließlich wurden viele meiner Verwandten und Freunde von Störchen gefressen – sogar meine Eltern. Das ist doch wohl eindeutig gefährlich, oder?“

Die Eule schaute ihn nur mitleidig an: „Die waren nichts Besonderes, lediglich Fußvolk, eine ganz gewöhnliche Nahrungsquelle.“ Ein Quentchen Hochmut schlich sich in die Augen des Frosches. „Dein Status hier ist jedoch eine ganz andere Sache“, fügte die Eule mit honigsüßer Stimme hinzu. „Jeder weiß, wer du bist und dass du den Tümpel einwandfrei instand hältst. Dein Wort ist Gesetz. Wenn du all deine Autorität in die Waagschale wirfst und ihn auf höfliche Weise bittest zu gehen, wird er das tun. Ehrenkodex der Raubvögel.“ Verwirrt starrte der Frosch nach oben: „Was für ein Ehrenkodex?“ Die Eule verdrehte die Augen. Eindringlich fragte sie: „Habe ich dich nun gefressen, oder nicht? Was hält mich hier an deinem Tümpel wohl davon ab, wenn nicht unser Ehrenkodex?!“ In seiner Eitelkeit bestätigt, blies der Frosch die Backen auf. Kaum bemerkte das die Eule, fügte sie in hungrigem Tonfall hinzu: „Denn Appetit habe ich mittlerweile schon.“ Derart wohlgefällig war ihr Blick, dass dem Frosch ganz mulmig zumute wurde. Vorsichtig hüpfte er einen kleinen Sprung zurück: „Das klingt logisch …“, meinte er zögernd. Die Eule wartete noch einen Moment, schaute ihn lauernd von der Seite an und meinte schließlich: „Doch wenn du dich lieber den restlichen Tag verstecken willst, während ein Storch sich in deinem Tümpel breit macht …“

Da warf sich der Frosch stolz in die Brust: „Hah! Du hast recht!“, rief er aus. „Der Storch hat zu tun, was ich sage!“ Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und sprang wild entschlossen in den Teich, hin zu seinem Seerosenblatt. Die Eule lachte in sich hinein und flog wieder etwas höher in den Baum, um nichts von der zu erwartenden Szene zu verpassen.
Auf seinem Lieblingsseerosenblatt angekommen, richtete sich der Frosch bereits hoch auf und machte den Storch durch ein gequaktes Räuspern auf sich aufmerksam. Dieser schaute sofort in seine Richtung und hielt kurz inne, da sich ihm sein Abendessen derart unerschrocken präsentierte. Schließlich nahm sich der Frosch ein Herz, verbeugte sich nervös und stammelte: „Euer Exzellenz … äh … Euer Hochwohlgeboren, meine ich.“ Er sah den Blick, welcher der Storch auf ihn warf. Dieser war eindeutig eher hungriger, als gehorsamer Natur und dem Frosch wurde unheimlich zumute. Doch da der Storch sich ruhig verhielt und keine Anstalten machte ihn zu verspeisen, wurde der Frosch mutig. „Ehrenkodex … – Genau.“, flüsterte er vor sich hin und sprach den Storch entschlossen an: „Ich muss Sie leider höflich darum bitten, unverzüglich meinen Tümpel zu verlassen. Als Herr über das hiesige Gewässer kann ich es nicht tolerieren, dass ein Storch hier Frösche jagt.“ Unsicher blinzelte er zu dem großen Vogel hinüber, der den Kopf hob und kam langsamen Schrittes näher kam. Amüsiert klapperte der Storch mit dem Schnabel und sagte lediglich: „Mal ganz was Neues: arrogantes Abendessen.“ Und schnapp – schon hatte er den Frosch gepackt und im Ganzen hinunter geschlungen. Ein bisschen weniger hungrig stakste er weiter durch den Tümpel. Die Eule aber flog lachend in die aufkommende Dämmerung hinaus.

Katrin Kutsche (April 2009)
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