Topf und Tiegel in vier Teilen

Erster Teil:   
„Im Bad brauchst du ´ne Ewigkeit.
Wir müssen endlich los!
Ich bin das Warten wirklich leid.
Wie eitel bist du bloß?!“,
der Gatte voller Ungeduld
zu seiner Dame sagte.
Sie gab ihm Recht und fühlte Schuld,
sein Vorwurf an ihr nagte.
Noch auf der Party schmähte er
der Frauen Eitelkeit.
Die Männer lachten alle sehr,
den Frauen ging´s zu weit.
Doch eine übte sich in List
und rief erstaunt ihm zu:
„Wie stark ergraut dein Haar schon ist!“
Das ließ ihm keine Ruh.
Er ging ins Bad, blieb lange weg,
besah sein Haar im Spiegel,
bis seine Frau ihn dort entdeckt´:
„Der Topf spricht über´n Tiegel …“

Zweiter Teil:
„Warum warst du heut Nacht nicht da?“,
sprach Großmama zum Enkel.
Mit roll´nden Augen rief er: „Ah!
Du gehst mir auf´n Senkel!
Stets musst du wissen, was ich tu –
mit wem und wie und wo.
Die Neugier steht dir gar nicht zu,
drum nerve mich nicht so!“
Die Woche drauf ein Blumenstrauß
samt Brief für Oma kam.
„Von wem?! – Du siehst verlegen aus“,
ihr Enkel rief und nahm
den Umschlag gleich aus ihrer Hand,
um selber nachzuschau´n.
„Post ist geheim in diesem Land!
Besonders die der Frau´n.“,
sagt´ Oma ernst und schaut´ ihn an,
grad als er brach das Siegel.
„Welch eine Neugier!“, rief sie dann.
„Der Topf spricht über´n Tiegel!“

Dritter Teil:
„Hast du gehört? Der hat sie glatt
mit einem Mann betrogen!“,
sprach sie zu ihrer Freundin statt
zu prüfen, ob´s gelogen.
„Ach was,“ die Antwort kam gedehnt,
„die Wahrheit hört´ ich gestern:
Nicht schwul – noch untreu, wurd erwähnt.
Was musst du immer lästern?!“
Beleidigt ging die Erste weg.
Die Freundin grinste nur
und warf sogleich noch größ´ren Dreck
vor ihre Tür zum Flur:
„Habt ihr gehört? Kollege F.
soll wohl auf Männer steh´n!“,
erklärt´ sie beim Kollegentreff.
„Ich hab den Mann gesehn!“
Die Freundin hörte das und sprach:
Du kennst nicht Schloss, noch Riegel
und lästerst selber – welche Schmach!
Der Topf spricht über´n Tiegel …“

Vierter Teil:
„Brüll nicht so rum! Du bist hier nicht
der Chef, nur der Polier!“
„Beherrsch dich selbst, du kleines Licht
und sauf nicht ständig Bier!“
Der Vorarbeiter war zornrot
und der Polier fast blau.
Sie brachten alles aus dem Lot:
Schlechtwetter auf´m Bau.
Denn die Kollegen war´n genervt
und selbst schon voller Wut.
„Wenn keiner diesen Streit entschärft,
geht das nicht lange gut.“
Das sagte einer mit Bedacht,
die ander´n nickten stumm.
„Was hast du hier für´n Mist gemacht?!“
schrie der Polier grad rum.
Dem Vorarbeiter war´s zuviel,
er griff sich einen Ziegel.
Solch böses Ende nahm das Spiel:
Der Topf erschlug den Tiegel.

Katrin Kutsche (Januar 2010)
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