Miss Marie von Brie und ihr Weg zum Glück

Kapitel 1
Miss Marie von Brie war zweifellos die am besten aussehende junge Dame im heiratsfähigen Alter der kleinen Stadt Highjoke; von schlanker, doch wohlgeformter Figur, mit ebenmäßigem Gesicht, leuchtenden braun-grünen Augen, einem strahlenden Teint und einem Lachen, das selbst die Sonne hinter den Wolken hervorzulocken im Stande war. Als einzige Tochter der vermögenden Baronin von Brie konnten auch weniger wohlmeinende Zeitgenossen ihre Zukunftsaussichten nur als glänzend bezeichnen. Vermögen und Schönheit nährten die Hoffnung ihrer Verwandtschaft – sowie selbstverständlich der gesamten Einwohnerschaft Highjokes –, dass Miss von Brie schon bald eine glänzende Partie machen würde. Dieser allgemeinen Erwartung standen lediglich zwei Dinge im Wege: ihre große Klugheit und ihre wohl durchdachten, berechtigten Ansprüche an die Persönlichkeit ihres künftigen Ehemannes. So ausgeprägt waren diese schockierenden Charakterschwächen von Marie, dass es dementsprechend bisher keinem einzigen Herren gelungen war, ihr das Wasser zu reichen.
In der Tat“, pflegte sie zu sagen, „kann ich mir nicht vorstellen, dass es auf dieser Welt ein Mann vermag, mich wahrhaft zu fesseln. Solange annehmbare Intelligenz sich hinter überbordendem Stolz versteckt, Höflichkeit hinter Affektiertheit und Vertrauenswürdigkeit hinter Falschheit – wie es nur allzu oft der Fall ist – sehe ich für mein künftiges Eheleben keinerlei Hoffnung!“
Ihre verehrte Frau Mutter, die Baronin von Brie, konnte bei derlei Erklärungen lediglich verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und laut ausrufen: „Mein Gott, Kind! Sag doch nicht so etwas – wenn dich jemand hört!“ Marie warf daraufhin gewöhnlich ihr Haar über die Schulter zurück und machte auf dem Absatz kehrt, um aufgebracht – doch niemals wirklich übellaunig – das Zimmer zu verlassen. „Was habe ich bei ihrer Erziehung nur falsch gemacht?“, murmelte Frau Baronin dann mit Grabesstimme vor dem Portrait ihres verstorbenen Gatten.

Kapitel 2
Eines Tages ergab es sich, dass Baronin von Brie Post von einer guten, alten Freundin aus Kindertagen erhielt, mit dem Ersuchen, sie und ihren ältesten Sohn demnächst als Gast zu empfangen. Dieser Bitte wurde selbstverständlich genauso freudig wie unverzüglich entsprochen.

In der Tat!“, lautete der einzige Kommentar ihrer Tochter. „Noch ein Geck mehr in Highjoke, dessen Ignoranz es zu ertragen gilt.“
Mein Gott, Kind!“, rief ihre Mutter ernstlich erschüttert. „Sag doch nicht so etwas – wenn dich jemand hört!“, woraufhin Marie eilends das Zimmer verließ.
Doch an der Tatsache des Besuches war nun nichts mehr zu ändern. Die wohlbegüterten Gäste, Mrs. Vollkomm und ihr Sohn Mr. Edward Vollkomm, kamen – und mit ihnen hielt ein frischer Wind Einzug in das mitunter recht eintönige Familienleben, den selbst Marie für vielversprechend hielt. Wahrhaftig gewöhnte sich sich an die Besucher fast ebenso schnell wie ihre Mutter und begann sie im Verlauf einiger Wochen beinahe noch mehr zu schätzen, denn insbesondere Mr. Vollkomm stellte sich als hervorragender Gesprächspartner heraus: intelligent, von lebhafter und unkomplizierter Wesensart, offen, ohne gewöhnlich zu sein, dabei stets voller Höflichkeit, Witz, Esprit und mit hervorragendem Urteilsvermögen sowie nahezu unfehlbarem Geschmack. Und obwohl sein Äußeres nicht ihren vollkommenen Beifall fand – seine Haut war von eher dunkler Tönung, das Haar tiefschwarz – erregten seine gut gewachsene Gestalt und warm leuchtenden braunen Augen doch ihre Bewunderung und bildeten im Ganzen gesehen den passenden Rahmen zu seinem untadeligen Charakter. Nicht verwunderlich war es da, dass die Vertrautheit zwischen ihr und dem nur unwesentlich älteren Edward mit fortschreitender Dauer des Besuches stetig wuchs. Marie, welche nie das – zumindest manchmal – liebevolle Verhältnis zwischen Geschwistern kennen gelernt hatte, fasste während langer Spaziergänge schon bald ein solch rückhaltloses Vertrauen zu Edward, dass sie es sich selbst kaum erklären konnte.
Besonders sein genauso kluges, wie unaufdringliches Urteilsvermögen machten ihn zu einem äußerst schätzenswerten Begleiter. So kam es denn, dass Marie ihm bei einem der gemeinsamen Spaziergänge zwischen Highjoke und Soliditz den unerfreulichen Reigen enttäuschender und daher unerwünschter Bewerber um ihre Hand schilderte.

Kapitel 3
In der Tat Edward, ich kann Ihnen ernsthaft versichern: die jungen Männer dieser Gegend sind wahrhaftig auf das Äußerste unerfreulich – einer wie der andere.“
Das täte ihm sehr leid, erwiderte der vortreffliche Edward voller Mitgefühl. „Was war der Fehler dieser bemitleidenswerten Kreaturen, durch welchen sie sich so offensichtlich Ihre Abneigung zugezogen haben?“

Der Fehler?“, rief Marie erbost. „Eine wahre Parade an Skurrilitäten, ja Abscheulichkeiten zog an mir vorüber!“
Etwas befremdet ob dieser energischen Äußerung hob Edward lediglich eine seiner interessant geschwungenen Augenbrauen und meinte: „Bitte verzeihen Sie mir die Bemerkung, aber gehen Sie nicht vielleicht ein wenig zu hart mit den bedauernswerten Gentlemen ins Gericht? Ist es tatsächlich möglich, dass nicht ein einziger von ihnen zu Recht Anspruch auf Ihre geschätzte Hand erheben konnte?“

Mitnichten!“, erwiderte sie. „Und ich will es Ihnen gern beweisen, indem ich auf das Genaueste darlege, was mir bisher widerfahren ist. Hören Sie also ganz ohne Unvoreingenommenheit zu und zögern Sie bitte nicht, mir im Anschluss an die jeweilige Schilderung Ihre ehrliche Meinung zu dem entsprechenden Herren mitzuteilen.“
Mit einer stummen, doch artigen Verbeugung bedeutete ihr Edward sein vollkommenes Einverständnis.

Kapitel 4
Marie berichtete ihm zunächst von Mr. Mauritius Lazy, dem ältesten Sohn einer überaus begüterten Landadelsfamilie aus dem benachbarten Kirchspiel Magpiera. Mit diesem traf Marie das erste Mal während eines Balles auf dem Anwesen ihrer Mutter zusammen, welcher einige Jahre zuvor anlässlich ihrer Einführung in die Gesellschaft gegeben wurde.
Bereits im Vorfeld hatte Mr. Lazy um ihre Hand für den ersten Tanz gebeten, was sie natürlich erfreut und mit aller Höflichkeit gewährt hatte. „Doch hört nun, Edward“, sagte Marie, „wie mich dieser Gentleman anschließend behandelte. Ich, die doch den Reigen anführen sollte, da der Ball mir zu Ehren gegeben wurde, stand plötzlich ohne Partner da und musste, da Herren knapp und alle verfügbaren Tanzpartner bereits vergeben waren, in letzter Sekunde von meinem ältlichen Onkel aufgefordert werden, der nun wahrlich nicht über besondere Anmut und Trittsicherheit verfügt.“ Sie seufzte aus tiefstem Herzen: „Wie mich all die spöttischen und mitleidigen Blicke trafen, kann zu schildern ich mir sicherlich sparen.“
Wie?“, rief Edward ungläubig aus. „Wurden Sie tatsächlich auf solch schändliche Weise brüskiert oder handelte es sich dabei lediglich um ein bedauernswertes Versehen?“
Ach wäre es nur ein Versehen gewesen“, versetzte sie. „Nichts wäre mir lieber gewesen, als diesen Affront guten Gewissens verzeihen zu können. Doch leider stellte sich heraus, dass Mr. Lazy keinerlei Neigung zum Tanzen verspürte – das wäre ihm bei weitem zu anstrengend und überhaupt unter seiner Würde, wie mir später zugetragen wurde – und mich lediglich auf ausdrücklichen Wunsch seines Vaters um meine Hand gebeten hatte. Und anstatt sich dieser Pflicht mit Würde und Anstand zu entledigen, flüchtete er klammheimlich in das angrenzende Billardzimmer, wo man ihn nach dem Tanz schließlich mit einem der größeren Weingläser in der Hand vorfand.“ Kopfschüttelnd blieb Marie stehen und sah ernsthaft zu Edward auf. „Ist das nicht eine wirklich enttäuschende Einführung in die Gesellschaft für eine junge Dame? Was meinen Sie?“
In der Tat“, erwiderte Edward und verkniff sich das Schmunzeln. „Wie sind Sie jedoch den Rest des Abends mit dieser schmählichen Situation umgegangen?“
Nun ja, ich bewahrte Haltung, indem ich mit großer Ausdauer und ebensolchem Vergnügen mit allen anderen Herren außer Mr. Lazy tanzte. Ich lachte fröhlich, unterhielt mich voller Würde und Aufmerksamkeit mit sämtlichen Anwesenden und ließ mir die Enttäuschung genauso wenig anmerken, wie die durch meinen Onkel wund getretenen Zehen“, sagte sie mit einem leisen Lächeln. „Mr. Lazy wurde von mir in der Folge der Ereignisse natürlich höflich, doch kühl behandelt und – soweit es statthaft war – ignoriert.“
Recht so!“ rief Edward voller Zustimmung aus. „Ein träger Tropf ist, wer nicht voller Lust das Tanzbein schwingt. Wenn Ihr Tanzstil Ihrem Heldenmut in der genannten Situation entspricht, hoffe ich, dass mir schon bald das Glück beschieden sein mag, Sie auf Ihren nächsten Ball zu begleiten.“
Mit tiefer Verbeugung stellte Edward sich vor sie hin und schaute, ein freches Funkeln in den braunen Augen, feierlich zu ihr auf: „Hiermit bitte ich Sie bereits heute untertänigst um Ihre Hand und schwöre, voller Schwung und Können den ganzen Abend zu Ihrer alleinigen Verfügung zu stehen.“
Bis unsere Schuhe durchgetanzt sind!“, erwiderte Marie gespielt würdevoll und ließ ihr glockenhelles Lachen ertönen, das sogleich vom Wind davongetragen wurde.

Kapitel 5
Arm in Arm setzten die beiden ihren Weg fort. Marie war gerade im Begriff, der Beschreibung eines weiteren Herren zu beginnen, als ihnen plötzlich ein äußerst räudig aussehender Köter den Weg versperrte. Mit gesträubtem Fell und entblößten Lefzen knurrte er sie bösartig an. Sofort stellte sich Edward zwischen Marie und die gefährlich wild aussehende Kreatur und gebot ihr mit sparsamen Gesten, ein wenig hinter ihm zu bleiben.
Oh, nicht schon wieder … Seien Sie bitte vorsichtig, dieser Hund beißt tatsächlich.“ hauchte Marie leise und wich zwar behutsam, doch nicht wirklich ängstlich einige Schritte zurück.
Vielen Dank für die warnenden Worte.“, erwiderte Edward mit spöttisch hochgezogener Augenbraue. „Aber ich werde Sie doch wohl noch vor einem einzelnen Hund beschützen können.“ Innerlich wie äußerlich vollkommen ruhig richtete er sich hoch auf und fixierte die struppige Kreatur mit festem, durchdringendem Blick. Kaum zehn Sekunden später stellte der Hund das Knurren ein und wich ein kleines Stück zurück. Auf diese Weise ermutigt, ging Edward gemessenen Schrittes auf den Köter zu, streckte forsch den rechten Arm Richtung Feld aus und sagte in lautem, bestimmtem Tonfall nur drei kleine Worte: „Fort mit dir!“ Erstaunlicherweise funktionierte das sogar – der Hund jaulte leise, machte fast augenblicklich kehrt und lief mit eingeklemmtem Schwanz querfeldein zurück zu seinem Bauernhof.
Bravo!“, rief Marie, die das Geschehen halb erstaunt, halb amüsiert beobachtet hatte. „Ich hätte nie vermutet, dass an Ihnen ein Tierbändiger verloren gegangen sein könnte.“
Daraufhin lächelte Edward schief und verbeugte sich gelassen. „An derlei Streuner bin ich von klein auf gewöhnt. Früher haben meine Brüder und ich uns einen Spaß daraus gemacht, die gemeinen Köter unserer Pächter zunächst zu ärgern und dann zu dressieren. Ich bin von Herzen froh, dass ich noch heute über dieses offensichtlich unver-zichtbare Talent verfüge und zu Ihrem Nutzen einsetzen konnte.“
In der Tat“, stellte Marie fest. „Sie waren äußerst souverän – ganz im Kontrast zu dem Herren, von dem ich Ihnen eben berichten wollte: Herrn Fearshy“, erinnerte sie ihren Begleiter und ging weiter.
Selbstverständlich“, gab Edward zu und reichte ihr schließlich galant den Arm, welchen sie nach kurzem Zögern erneut ergriff.
Um die Vertrautheit dieser Geste zu überspielen, begann sie unverzüglich mit der Schilderung eines Spazierganges nur wenige Monate zuvor. „Eben jenes wilde Untier, das sie gerade mit einem Blick, einer Armbewegung und einem kurzen Satz in die Flucht geschlagen haben, versperrte uns auch damals genau denselben Weg, welchen wir beide augenblicklich beschreiten.“
Tatsächlich?“, warf Edward ein. „Und es war derselbe Hund?“
Sicher.“ erwiderte Marie, „Doch hören Sie, mit welcher Geistesgegenwart der verehrte Mr. Fearshy in dieser Situation handelte. Meine enge Freundin, Miss Carriage, und ich waren eben auf dem Rückweg nach Highjoke, als wir auf den genannten Herren trafen. Selbstverständlich bestand er – mehr durch Gesten, als Worte – darauf, uns zu begleiten.
Sehr aufmerksam und höflich von ihm“, bemerkte Edward.
In der Tat“, gab Marie zurück. „Doch letztendlich verhielt er sich fast übertrieben schüchtern. Denn obwohl wir uns bereits kannten – wir waren uns einige Wochen zuvor in Gesellschaft vorgestellt worden, da meine Mutter ihn zu dieser Zeit als möglichen Heiratskandidaten für mich in Erwägung zog – und er darauf bestanden hatte, uns zurück zu begleiten, sagte er eine geschlagene halbe Stunde lang kein Wort. Auf jede Frage oder Bemerkung antwortete er lediglich mit einem Nicken, einem Kopfschütteln oder – in meinen Augen völlig unpassend – plötzlichem Erröten. Daher verzichteten Miss Carriage und ich schließlich darauf, auf einer wie auch immer gearteten Konversation zu bestehen und setzten unseren Weg langsamen Schrittes und in überaus unbehaglichem Schweigen fort.“
Wie unangenehm. Ihm fehlte es vielleicht einfach an einer gewissen Offenheit und Lebensart, nehme ich an?“, fragte Edward.
Ich denke schon“, erwiderte Marie. „Denn da ich nicht annehme, dass ein Mangel an Sympathie der Grund dieses Verhaltens war, kann es wohl nur an seiner Erziehung liegen. Aber trotzdem …“, ergänzte sie nach kurzer Überlegung. „Beim ältesten Sohn einer solchen Familie von Stand ist ein derart unbeholfenes Verhalten in Gegenwart zweier Damen doch etwas peinlich. Schließlich ist es meiner Meinung nach eine unschätzbare Fähigkeit, sich – wenn schon nicht intelligent, so doch mit einer gewissen Kultiviertheit – unterhalten zu können.“ Sie schüttelte leicht den Kopf und fuhr gelassen fort: „Nun ja, letztendlich bekamen wir dann doch noch etwas von Mr. Fearshy zu hören, selbst wenn es eher ein Laut war, als ein richtiges Wort.“
Wieso denn das?“, erkundigte sich Edward voller Neugier.
Wie – haben Sie denn schon unser kleines Abenteuer mit dem Hund vergessen? Ich wette, Mr. Fearshy schämt sich noch heute in Grund und Boden.“, erklärte Marie und schaute Edward mit beredtem Augenaufschlag an. Eine kleine Kunstpause später setzte sie hinzu: „Im Gegensatz zu Ihnen, sprang er beim Anblick des Köters mit einem lauten Aufschrei augenblicklich hinter uns, um sich so in Sicherheit zu bringen.“ Sie schmunzelte: „Leider schien der Hund auf eine solche Bewegung nur gewartet zu haben. Denn er sprang mit einem zornigen Bellen direkt auf den bisher standhaft schweigenden Herren zu – so nah an uns vorbei, dass die Kleidersäume raschelten! Mr. Fearshy trat zu Tode erschrocken den sofortigen Rückzug an und lief laut brüllend über das Feld davon,  den Hund dicht auf den Fersen, der immer wieder nach seinen mageren Waden schnappte!“ Verschwörerisch lächelnd ergänzte sie: „Miss Carriage und ich hörten selbstverständlich auf die Eingebung unseres hervorragend geschulten Verstandes und machten uns schleunigst in entgegengesetzter Richtung davon.“
Wie klug von Ihnen!“, gab Edward mit einem unübersehbaren Anflug von Fröhlichkeit zu. „Es wird doch tatsächlich immer dramatischer!“, rief er schließlich aus, seine braunen Augen sprühten förmlich vor unterdrücktem Lachen. „Haben Sie noch mehr solcher Geschichten, die Sie aus dem Dunkel Ihrer Erinnerung ans Licht befördern können?“
In der Tat!“ erwiderte Marie vergnügt. „Begleiten Sie mich einfach noch ein Stück und ich werde Ihnen die schockierend unrühmlichen Eigenarten einiger weiterer Herren enthüllen.“
Edward reichte ihr erneut mit übertrieben anmutiger Geste seinen starken Arm und war insgeheim äußerst gespannt, was ihm dieser Nachmittag an der Seite seiner entzückenden Begleiterin noch bringen würde.

Kapitel 6
Mr. Windbag, welchen Miss Marie von Brie nunmehr zu beschreiben begann, mangelte es zwar nicht unbedingt an Mut, doch dafür an so ziemlich allem anderen. Als zweiter Sohn einer äußerst angesehenen Familie der angrenzenden Ortschaft Childish besaß er zwar wenig eigenes Vermögen, sollte jedoch in Bälde zum Pfarrer ordiniert werden, um auf diese Weise ehrbar seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Miss von Bries´ Tante, Mrs. Hedgewood, hielt große Stücke auf Mr. Albert Windbag und plante – aus völlig uneigennützigen Motiven, die nichts damit zu tun hatten, dass sie Pächter der Familie Windbag war und auf zukünftige Vergünstigungen spekulierte – im Stillen die Hochzeit zwischen ihm und ihrer Nichte. Daher kam es nicht von ungefähr, dass sie den „Pfarrer in Ausbildung“ und seine Eltern zu einem Familiendinner einlud, um dem künftigen Paar die Gelegenheit zu geben, sich ganz zwanglos kennenzulernen. Der Abend verlief jedoch völlig anders als erträumt, da sich erwähnter Herr zu Tantchens Leidwesen als halb humorlos und vollkommen hohlköpfig entpuppte, was – wie ihr schmerzlich bewusst wurde – in den Augen ihrer Nichte keine Empfehlung war.
Diese Flut unnützer Bücher – Romane wohl gar – über die Ihre Familie bereits den ganzen Abend lang spricht. Finden Sie das nicht ebenfalls aufs Äußerste ermüdend?“, fragte Mr. Windbag in schleppendem Tone Miss Marie von Brie.
Erstaunt ob dieser Äußerung antwortete sie etwas widerwillig, aber durchaus höflich: „Wenn Sie die Bücher nicht kennen, ist es sicher unangenehm, sich nicht dazu äußern zu können und derart vom Gespräch ausgeschlossen zu sein. Doch vielleicht erhalten Sie auf diese Weise einige Anregungen und Empfehlungen für künftigen Lesestoff?“
Aber nein!“ wehrte er entschieden ab und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich lese so gut wie niemals und auf jeden Fall keine Romane – allenfalls die Inserate in der Tageszeitung! Wer hat schon Lust, sich mit den komplizierten Ergüssen dieser schier wahnsinnigen Horde von Schriftstellern zu beschäftigen?! Mit meiner Zeit weiß ich wahrhaftig Besseres anzufangen!“
Auf diese Bemerkung hatte Marie lediglich mit spöttischer Verachtung reagiert: „Da muss ich Ihnen Recht geben – Inserate sind ja so viel informativer und durch ihre Kürze wesentlich weniger fordernd für Auge und Geist.“
Marie sah Edward mit einem Mitleid heischenden Blick an und erklärte offen: „Allein der Wortwechsel zum Lesen von Büchern hatte diesen Herren in meinen Augen gerichtet. Zu allem Übel jedoch,“ hier warf sie theatralisch die Hände gen Himmel, „verstand er nicht einmal meine letzte bissige Bemerkung, sondern stimmte mir in aller Ernsthaftigkeit zu. Auf eine solche Unbedarftheit kann jede Frau getrost verzichten!“
Ein wahrhaft trauriges Los für jene Frau, welche eines Tages mit ihm den heiligen Bund der Ehe einzugehen gewillt ist“, stimmte Edward trocken zu. „Ein Mann, der nicht einmal ein gutes Buch zu schätzen weiß, kann nur äußerst beschränkt sein.“
Sie selbst lesen also gern?“ fragte Marie interessiert.
Aber natürlich. Die Bibliothek meiner Eltern hat nicht ihresgleichen in unserer Gegend und wir sorgen dafür, dass es auch so bleibt, indem wir die vorhandenen Bestände sorgfältig pflegen und erweitern. Und besonders heutigentags gibt es hervorragende, wahrhaft intelligent verfasste Romane. Wer diese nicht zu schätzen weiß, ist sicherlich meines Respekts kaum würdig. Meinen Sie nicht auch?“
Marie, die – ohne sich dessen gewahr zu sein – ihre Schritte verlangsamt hatte, stimmte nachdenklich zu. Nach einigen Augenblicken innerer Sammlung meinte sie schließlich: „Bisher habe ich gezögert, Ihnen gegenüber auch meinen ersten förmlichen Antrag zu erwähnen, doch nun würde ich Ihnen gern davon erzählen. Möchten Sie es hören?“
Er würde auch darüber gerne mehr erfahren, bekannte Edward ohne Umschweife und bedeutete ihr, zu beginnen.
Sehr gut,“ sagte Marie, „denn Sie müssen wissen; dieser Herr war ein rechter Ausbund an Tugend, daher ist die folgende Geschichte es tatsächlich wert, erzählt zu werden.“

Kapitel 7
Mr. Henry Liar war ein wirklich charmanter Gentleman“, begann sie. „Zudem war er gutaussehend, augenscheinlich vermögend und“, ihr Ton wurde ironisch, „wie er mir ein ums andere Mal ehrlich versicherte: unsterblich in mich verliebt.“
In der Folge der Ereignisse sollte es sich jedoch zeigen, dass dieser Herr nicht so vertrauenswürdig war, wie er es zu sein schien. Nahezu die gesamte Einwohnerschaft Highjokes hätte damals für seine Ehrbarkeit die Hand ins Feuer gelegt, denn er war innerhalb seines männlichen Freundes- und Bekanntenkreises sehr beliebt, während die weibliche Hälfte der Bevölkerung die von Marie bereits genannten Qualitäten schätzte.
Wir kannten uns – nicht verwunderlich in unserer Gegend – seit Kindertagen und mit der Zeit wurde er mir während all unserer Gespräche und fröhlichen Unternehmungen zusehends lieber.“ An dieser Stelle errötete Marie und richtete einen kurzen, forschenden Blick in Edwards Gesicht. Dieser jedoch nickte lediglich und wartete ab, bis sie in der Lage war fortzufahren.
Schließlich war der Tag gekommen, an dem er mit dem Segen unserer Familien um meine Hand anhielt und ich freudig zustimmte. Das kam für niemanden überraschend. Jedoch wurde unsere ursprünglich private Übereinkunft; mit der Heirat noch etwa ein Jahr zu warten, offen in ganz Highjoke diskutiert. Dazu müssen Sie wissen, dass sich Mr. Liar infolge einer lang anhaltenden Unpässlichkeit seines Vaters gezwungen sah, seine Grand Tour durch Europa aufzuschieben. Diese wollte er nun, mit meiner ausdrücklichen Billigung, noch vor der Hochzeit nachholen.“ Als sie sah, wie Edward schweigend die Stirn runzelte, beeilte sie sich hinzuzufügen: „Sicher, das war etwas unüblich, aber ich kannte ihn, wusste um sein Opfer dem Vater zuliebe und vertraute ihm so sehr, dass es mir grausam erschien, ihn von dieser schon lange geplanten und wohl einzigartigen Möglichkeit abzuhalten, die Welt kennen zu lernen. Seiner Persönlichkeit und seinem Wissen konnte das nur zugute kommen.“ Zögernd, in leisem Tonfall fuhr sie fort: „Nun ja, er begann seine Reise – begleitet von unseren guten Wünschen und der Hoffnung, dass er nach einem Jahr gesund zurückkehren möge; was er auch tat. Unsere Freude war, wie Sie sich vorstellen können, über die Maßen groß, und obwohl man fast hätte vermuten können, dass wir uns fremd geworden waren, verstanden wir uns besser denn je. Er schien mir gewachsen zu sein: noch immer derselbe Mensch, doch mit wesentlich durchdachteren Ansichten.“ Marie blieb stehen und betrachtete grüblerisch den kleinen See, welcher sich rechts des Weges erstreckte.
Schließlich seufzte sie vernehmlich und sprach: „Um es kurz zu machen: Unsere Hochzeit stand bevor, alle waren glücklich und meine Mutter veranstaltete einen Hausball zur Feier von Mr. Liars Rückkehr, auf dem unseren Freunden und Verwandten außerdem der baldige Hochzeitstermin verkündet werden sollte. Zu unser aller Erstaunen tauchte jedoch plötzlich ungebetener Besuch auf: eine überwältigend schöne, junge Frau vornehmer Aufmachung, die allerdings nur ungenügend ihre bereits recht fortgeschrittene Schwangerschaft verbarg. Mit gleichsam stolzem, wie zornigem Blick schritt sie an uns allen vorbei, direkt auf meinen Verlobten Henry zu, baute sich vor ihm auf und überschüttete ihn mit einem lauten, verächtlichen Wortschwall. Dann zog sie sich wütend einen Verlobungsring vom Finger, warf ihn Mr. Liar vor die Füße, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand so schnell, wie sie gekommen war.“ Ein leicht bitterer Zug huschte über Maries Antlitz. „Henry sah ihr wie vom Donner gerührt nach, wurde abwechselnd rot und weiß im Gesicht und folgte ihr schließlich in aller Eile.“
Marie schaute Edward mit einem unschwer zu deutenden Funkeln in den Augen an: „Mein Italienisch reichte gerade aus, um zu verstehen, dass er ihr die Ehe versprochen, sie geschwängert hatte und dann ohne ein Wort verschwunden war. Und da ihre Familie dies nicht tolerierte und ihr jede Unterstützung verweigerte, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn ausfindig zu machen.“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Den Skandal und die damit einhergehenden Demütigungen und Mitleidsbekundungen zu beschreiben, kann ich mir wohl sparen,“ sprach sie leise. „Mr. Liar jedenfalls, und dafür bin ich sehr dankbar, verschwand nach diesem Debakel aus der Gegend. Er lebt jetzt wohl bei Bekannten in Frankreich, wie mir meine Tante vor einiger Zeit berichtete … Seine Familie hat mit ihm gebrochen, da er zunächst nicht bereit war, die stolze Italienerin zu heiraten – oder vielleicht auch sie ihn, ich weiß es nicht. Mittlerweile hat er sich wohl dazu durchringen können, das Richtige zu tun und sie geehelicht, sodass ihnen ihre Familien nach angemessener Zeit vielleicht vergeben. Letztendlich kann ich wohl froh sein über diesen Ausgang, denn wer weiß, wie vieler Fast-Verlobter er sich auf dieser Reise noch versichert hat. Aber dass er mein Vertrauen auf diese Weise missbraucht hat … Einfach unverzeihlich.“
Marie schnaubte verächtlich und lächelte dann etwas kläglich: „Bitte setzen wir uns doch eine Weile und genießen die Sonne. Dieser lange Spaziergang hat mich wohl ein wenig erschöpft.“ Edward nickte mitfühlend und ließ sich schweigend neben ihr nieder.

Kapitel 8
Die ganze Zeit über hatte er kein einziges Wort gesagt – was auch immer ihm in den Sinn kam, wäre wohl kaum hilfreich gewesen und wenig passend – doch nun drückte er wie zum Trost ihre Hand. Mehr war nicht notwendig; Marie verstand.
So hatten sie vielleicht eine halbe Stunde wortlos nebeneinander gesessen und in tiefer Kontemplation die Schwäne auf dem Teich beobachtet, als Edward im Bemühen um ein wenig Leichtigkeit übertrieben ironischen Tones die Stille durchbrach: „Ich nehme an, dieser Gentleman war der Höhepunkt in der Parade Ihrer Möchtegern-Eroberer? Oder haben Sie womöglich einen vergessen?“
Fast sofort glitt ein kleines Lächeln über Maries Gesicht. Sie stand auf, bückte sich nach einem kleinen Stein und warf ihn mit weit ausholender Geste in den See. Die Augen auf die Kreise im Wasser gerichtet, sagte sie: „In der Tat. Einer fehlt wirklich noch.“ Sie drehte sich zu Edward um. „Aber derart spektakulär wie sein Vorgänger ist er nicht, soviel kann ich Ihnen versichern!“ Edward lächelte nur. „Wenn Sie mir also noch einmal für einige Minuten Ihr Ohr leihen möchten, bin ich gerne bereit, auch diesen Herren ausführlich zu beschreiben.“
Sie können mir vollkommen vertrauen, meine Ohren und meine Aufmerksamkeit stehen ausschließlich zu Ihrer Verfügung“, antwortete er galant und klopfte neben sich auf die Bank.
Marie setzte sich wieder neben Edward hin und wandte sich ihm mit folgenden Worten zu: „Mr. Waterhead kam eines Tages zusammen mit seiner jüngeren Schwester zu Besuch bei Freunden, einer vornehmen Familie aus Soundhill. Meine Freunde und ich trafen die beiden gelegentlich auf den öffentlichen Bällen in Magpiera oder Meadows und waren zunächst – wie alle anderen – recht geblendet von ihrer Erscheinung und ihrem Auftreten.“
Waren die beiden denn derart elegant und gut aussehend?, fragte Edward interessiert.
Sicher,“ antwortete Marie, „aber auch übertrieben modisch herausgeputzt und ziemlich affektiert, wie sich bei näherer Bekanntschaft nicht vermeiden ließ zu bemerken. Seine Schwester, Miss Augusta Waterhead, war ja noch ganz erträglich – wenn man absieht von einem gewissen Maß an Geziertheit (Dümmlich kichernd: „Unser Auftauchen in diesem verschlafenen Ort scheint tatsächlich ein großer Gewinn für alle zu sein, nicht?“) und erheblicher Dummheit („Ist Florenz nicht die Hauptstadt von Italien?“). Ihr Bruder jedoch, übertraf alle Erwartungen. Tatsächlich bereitete mir sein gespielt generöses, auf grenzenlose Bewunderung zielendes Benehmen ein solches Vergnügen, dass ich mich nur mit Mühe davon abhalten konnte, ihn in aller Offenheit dem Gelächter der Anwesenden zu überantworten.“
Das kann ich mir lebhaft vorstellen“, schmunzelte ihr Begleiter.
Nicht wahr? Sie kennen mich mittlerweile sehr gut, Edward. Ganz im Gegensatz zu dem noblen Mr. Ignatius Waterhead, der mein Verhalten ganz und gar nicht durchschaute, was mich auch verdientermaßen in eine recht unangenehme Lage brachte.“
Was haben Sie denn angestellt?“, fragte er neugierig.
Stellen Sie sich bitte vor, Ihnen begegnet ein fast unanständig reicher Mann, der stets als Wortführer auftritt, ohne dazu geeignet zu sein, der prahlt und protzt, dass sich die Balken biegen und vorwiegend auf Kosten anderer versucht, sich in allem hervorzutun – ohne über einen Funken wirklichen Könnens oder auch nur annehmbare Intelligenz zu verfügen. Dass ihm aufgrund seines großen Reichtums und Einflusses alle nur schmeichelten, war ich schließlich nicht mehr in der Lage zu tolerieren. Als ich ihn nun das nächste Mal in Gesellschaft traf, war er gerade in ein Gespräch mit meiner Tante, Mrs. Hedgewood, vertieft – besser gesagt, in einen äußerst dramatischen Monolog, wie ich unschwer ihrem gelangweilten Blick entnehmen konnte. Daher gesellte ich mich zu ihnen und erlöste sie aus dieser ermüdenden Gesellschaft. Leider hatte dieser Akt menschlicher Güte den Effekt, dass ich in den Genuss derselben Litanei kam, mit welcher der gute Ignatius zuvor eine geschlagene Stunde lang die Geduld meiner Tante strapaziert hatte.“ Marie nickte Edward ironisch zu und gab detailgetreu das folgende Gespräch wieder, welches mit einer rhetorischen Frage Mr. Waterheads begann.
Sie haben sicherlich von meinem unübertroffenen Ergebnis bei der letzten Rebhuhnjagd gehört, nehme ich an?“, erkundigte sich dieser mit stolzgeschwellter Brust. Sie nickte ergeben. Ganze elf Rebhühner haben allein durch meine meisterliche Treffsicherheit den Tod und ihren Weg auf unseren Tisch gefunden.“, setzte er gespreizt hinzu.
Was sind Sie doch für ein vortrefflicher Schütze. Im gesamten Landstrich findet sich wahrhaftig nicht Ihresgleichen!“, rief Marie in ebenso gespreiztem Ton, um ihn zu provozieren.
Doch Mr. Waterhead nutzte diese Gelegenheit, sich noch ein wenig mehr aufzuplustern: „So ist es, meine Liebe – ganz genauso ist es!“ Marie schaute, falsche Bewunderung heuchelnd, zu ihm auf, was ihn ganz außerordentlich in seiner Eigenliebe bestärkte und ihr die Möglichkeit eröffnete, sich weiterhin an seiner Prahlsucht zu ergötzen.
Allerdings“, fuhr er erheblich lauter fort, „schmeichelt es mir über Gebühr, diesen Jagderfolg lediglich auf mein Können als Schütze zurückzuführen. Wie ich bereits all meinen Freunden und Jagdgenossen erklärte,“ hier hob er wichtigtuerisch den Zeigefinger, „besitze ich selbstverständlich auch ein erstklassiges Gewehr, das beste und teuerste, welches für Geld zu haben ist. Ganz zu schweigen von meinen reinrassigen Jagdpferden, die ich eigens für unsere Jagd von meinem hochherrschaftlichen Anwesen in Watertown kommen ließ. Da ich mir das ohne Weiteres leisten kann, hielte ich es geradezu für eine Schande, mich mit weniger Hochwertigem zufrieden zu geben“, betonte er und strich sich voller Selbstzufriedenheit über den kümmerlichen Schnurrbart.
Sie haben absolut Recht!“, rief Marie gespielt begeistert und hob ihre Hände an die bebende Brust. Mittlerweile war ein nicht unerheblicher Teil der übrigen Gästeschar auf dieses Schauspiel aufmerksam geworden und amüsierte sich köstlich, was Marie mit einem schelmischen Zwinkern zur Kenntnis nahm. Scheinbar voller aufrichtiger Bewunderung wandte sie sich wieder dieser Karikatur eines arroganten Schwätzers zu, nur um zu bemerken, dass der Monolog zu seinem Reichtum noch immer nicht zu Ende war.
In diesem Stil ging es den halben Abend weiter“, erklärte Marie zu Edward gewandt, der seine Heiterkeit kaum noch zu beherrschen wusste. „Mr. Waterhead sprach fortwährend von sich und seiner eigenen Vortrefflichkeit und ich warf gelegentlich eine kurze, vor Falschheit triefende Zustimmung ein, während alle Umstehenden übertrieben starre Mienen aufsetzten, in dem Bemühen, ihr Lachen zu unterdrücken.“ Kurz imitierte sie diesen speziellen Gesichtsausdruck und rief damit erneute Heiterkeit bei Edward hervor.
Und was soll ich sagen? Überraschender Weise erhielt ich bereits am nächsten Tag einen Brief von Mr. Waterhead. Dieser enthielt nicht nur alle möglichen Wendungen zu meinem Lobpreis als einer verständigen und wortkargen Zuhörerin, sondern – zu allem Überfluss – einen offenen Heiratsantrag!
Ich war über alle Maßen erheitert, jedoch stellte sich heraus, dass meine Mutter die Verbindung wegen seines unaussprechlichen Reichtums und hohen Ranges für durchaus wünschenswert hielt. Selbstverständlich weigerte ich mich entschieden und zeichnete ihr in endlosen Streitgesprächen ein Bild seines Charakters, aus dem all meine Abscheu und Respektlosigkeit ihm gegenüber sprachen. Das erboste meine Mutter derart, dass sie einen geschlagenen Monat lang nicht mehr mit mir redete – einfach, weil sie es nicht ertragen konnte, dass ich meine Meinung so freimütig äußerte.“ Marie zuckte wegwerfend mit den Schultern. „Wenigstens blieb mir dieser übermäßig blasierte Schwachkopf letztendlich erspart, denn eine Zeit lang sah es tatsächlich so aus, als würde meine Mutter mich – nur um Recht zu behalten – zwingen, in die Heirat einzuwilligen“, ergänzte sie und schüttelte sich angewidert.

Kapitel 9
Ich hoffe wirklich, dass ich mir von Ihnen niemals einen solchen Widerwillen zuziehen werde oder Sie es für notwendig erachten, sich derart über meine Fehler lustig zu machen.“, erklärte Edward und schenkte ihr einen verschmitzten Blick, während sie sich von der Bank erhoben und den Spaziergang fortsetzten.
Mit liebevollem Spott entgegnete sie: „Aber nein, Edward, im Gegenteil! Nach eingehender Betrachtung der Tatsachen bin ich geneigt zuzugeben, dass Sie keinerlei Fehler besitzen. Sie sind angenehm, intelligent, gut aussehend, wohlhabend,“ – an dieser Stelle hob er spöttisch eine Augenbraue – „lebhaft, höflich und Ihren eigenen Worten zufolge lesen und tanzen Sie genauso gern wie ich“, zählte sie auf. Mit einem Augenzwinkern ergänzte sie: „Außerdem verfügen Sie, wie ich selbst erleben durfte, nicht nur über großen Mut, sondern auch Mitgefühl. Ihr Benehmen ist ebenso offen wie unverstellt und aus Ihren Augen spricht vollkommene Ehrlichkeit. In der Tat sind Sie der perfekte Ehemann!“, schloss Marie mit leicht undefinierbarem Unterton, aber großer Überzeugung.
Ich glaube, auf dieses Urteil kann ich mir wahrhaftig etwas einbilden“, rief er lachend aus und schüttelte den Kopf. „Seien Sie jedoch vorsichtig mit Ihren Gunstbeweisen, damit mein tadelloses Benehmen nicht in Eigendünkel umschlägt!“ Schlagartig ernst geworden, sah er Marie tief in die Augen und ergriff ihre Hände: „Allerdings muss ich zugeben, dass ich Sie, würde ich von einem vertrauten Freund um meine Meinung gebeten, auf ganz ähnliche Weise charakterisieren würde.“
Miss Marie von Brie – mit einem Mal ungewohnt still – löste die Augen von seinem so vertraut gewordenen Gesicht und runzelte nachdenklich die hübsche Stirn. Plötzlich schien sie zu einem Entschluss gekommen zu sein. „Nun denn …“ sprach sie feierlich und blickte Edward mit großer Unerschrockenheit an. „Da du mich offensichtlich fesselst wie noch kein anderer Mann zuvor, über sämtliche Vorzüge verfügst, deren eklatanter Mangel bei anderen Herren ich dir eben lang und breit schildern musste und du mich unzweifelhaft mit ebenso großer Leidenschaft liebst, wie ich dich: Möchtest du nicht endlich in aller Form um meine Hand anhalten?“
In der Tat. Das möchte ich mehr als alles andere auf dieser Welt.“, erwiderte Edward, ergriff ihre Hand und drückte seine Lippen auf den zarten Handrücken. Er blinzelte leicht und ergänzte in liebevoll ironischem Ton: „Letztendlich glaube ich, dass all die anderen Gentlemen es vollkommen falsch angefangen haben, indem sie sich dir auf derart offensichtliche Weise empfehlen wollten.“
So ist es wohl tatsächlich – die endgültige Entscheidung liegt stets bei mir“, bemerkte Marie gut gelaunt. „Aber jetzt komm! Lass uns endlich zurückkehren. Wir sind mittlerweile wahrhaftig spät dran, sodass unsere geschätzten Mütter bereits mit dem Tee auf uns warten werden. Die Frau Baronin ist zwar seit Jahren meine Unpünktlichkeit gewohnt, doch ich fürchte um deinen Ruf als integerer und zuverlässiger Schwiegersohn.“
Verliebt hob Edward seine Verlobte hoch in die Luft und wirbelte sie umher: „Das nehme ich mit Freuden in Kauf! Was kümmern mich selbst die schlimmsten Strafmaßnahmen, solange ich die Ursache deiner Unpünktlichkeit bin?“
Arm in Arm und leichten Herzens wandelte das unbeschreiblich glückliche Paar zurück zum Anwesen der Baronin von Brie, um die frohe Botschaft zu verkünden.

Kapitel 10
Was ist nun noch erwähnenswert außer der Feststellung, dass eben diese Botschaft auf das Höchste willkommen war? War doch die ausgesprochene Neigung Maries und Edwards zueinander lediglich das gewünschte Resultat eines ausgeklügelten Planes ihrer Eltern. Schließlich suchte Mrs. Vollkomm bereits seit vielen, vielen Jahren nach der vollkommenen Ehefrau für ihren vollkommenen Sohn, bis diese ihr endlich in Gestalt von Miss Marie von Brie erschien; einer jungen Dame, in welcher sich alle Vorzüge vereinigten, die ein gleichermaßen lebhafter wie kultivierter Geist sich nur auszumalen im Stande war und deren Ruf von Schönheit und Klugheit eines unbestreitbar schönen Tages bis zu ihrem Anwesen im schönsten aller Orte, Vervollkommnung, drang.
Nach reiflicher Überlegung empfand Frau Baronin von Brie dieses ihr von Mrs. Vollkomm brieflich offerierte Arrangement als die beste Art, ihrer Tochter in deren bisher so enttäuschend verlaufenen Herzensdingen beizustehen – und sich ihren eigenen Wünschen gemäß ein wenig einzumischen. „Wir können“, so schrieb sie ihrer geschätzten Freundin, „die jungen Leute sicherlich durch den von Ihnen vorgeschlagenen Besuch zusammenbringen und insgeheim ihren Umgang miteinander fördern. Der Rest liegt jedoch bei ihnen.“ Und so geschah es in der Tat.
Dies mag zugegebenermaßen für manche Menschen ein wenig romantischer Schluss der Geschichte sein, doch ist es nichts desto trotz ein perfektes Ende für das in all den folgenden Jahren äußerst glückliche, zufriedene und liebende Ehepaar Mr. und Mrs. Vollkomm.

Katrin Kutsche (Mai 2010)
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