Der Goldmüller und der Wassermann

Mitte des 18. Jahrhunderts zog der Wanderhandwerker Abraham Strohbach nach Elstra und wurde Pächter der Haynmühle. Der Mann mit den geschickten Händen, der bei der Arbeit stets ein Liedchen pfiff, war schnell überall bekannt. „Goldmüller“ nannten ihn die Leute schon bald, denn alles was er anpackte, schlug ihm zum Guten aus. Freilich machte ihn das etwas stolz und so brüstete er sich stets: „Niemand ist so geschickt wie ich – alles bringe ich zustande!“

Gerade hatte ihm seine Frau das siebte Kindlein geboren – nach sechs Töchtern endlich den lang ersehnten Sohn – als ihm von der Elstraer Herrschaft der Bau einer Orgel angetragen wurde. Ob es ihm möglich sei, diese in spätestens drei Jahren fertig zu stellen? Sein Lohn betrüge 450 Taler – eine stattliche Summe. Übermütig lachte Strohbach und rief: „Schon meine sieben Kinder sind gewachsen wie die Orgelpfeifen. Da soll doch der Wassermann meinen Jüngsten holen, wenn ich es nicht in zwei Jahren schaffe!“ Und so ward es abgemacht.

Am Abend drauf, als er an der Schwarzen Elster entlang zur Haynmühle lief, hörte er plötzlich –   plitsch, platsch – seltsame Schritte hinter sich. „Wer da?“, rief er, drehte sich langsam um und blickte dem Wassermann ins fahle Gesicht. „Was willst du von mir?“, fragte er misstrauisch und schaute fest in die wässrigen, grünen Augen.
„Deine Wette annehmen“, gab der Wassermann zurück. „Stelle die Orgel in zwei Jahren fertig und ich schenke dir eintausend Taler. Schaffst du es aber nicht – nehme ich mir deinen Sohn.“
Da erschrak der Müller fürchterlich und erinnerte sich seiner prahlerischen Worte. Doch als er an all die hungrigen Mäuler dachte, die er zu stopfen hatte, ergriff er nach einigem Zögern die nass-kalte Hand und sprach: „Es gilt! In zwei Jahren treffen wir uns an dieser Stelle wieder.“
„So soll es sein.“, sprach der Wassermann, lachte meckernd und verschwand in der Schwarzen Elster.
Ganz wohl war es Strohbach nicht dabei. Er tröstete sich aber mit dem Wissen, dass dem Wassermann seine wahre Profession als Orgelbauer nicht bekannt war. Von der unheimlichen Abmachung erzählte er keiner Menschenseele und begann gleich am nächsten Tag eifrig mit der Arbeit.

Genau zwei Jahre später, zur Mittagszeit, erklang die Strohbach-Orgel zum ersten Mal. Frohen Herzens machte sich der Goldmüller am Abend auf den Weg zur Schwarzen Elster und hörte schon bald – plitsch, platsch – vertraute Schritte nahen. „Was schaust du so grimmig drein, alter Pfützenplatscher?“, rief er überheblich. „Ich bin gekommen, mir meinen wohlverdienten Lohn zu holen!“
„Frohlocke nur!“, sprach da der Wassermann, „Diese Dreistigkeit und deine Lügen aber, sollst du noch bereuen, Strohbach!“
„Ich habe nicht gelogen, nur etwas verschwiegen – die Wette gilt also. Drum gib mir  meine tausend Taler“, erwiderte der Müller und hielt verlangend die Hand auf.
„Hier hast du!“, rief der Wassermann und warf ihm einen großen Lederbeutel vor die Füße, in dem es verheißungsvoll klimperte. „Aber merke dir eines: Wasser wird noch dein Verderben sein.“ Und platsch, sprang er in den Fluss und durchnässte den Müller bis aufs Mark. Ihn fröstelte, denn das war ihm nicht geheuer. Trotzdem schüttelte er sein Unbehagen ab, packte die Taler und machte sich eilends auf den Heimweg.

Die folgenden Wochen war er wie ausgewechselt: furchtsam schaute er immer wieder über die Schulter und war im Umgang mit Wasser überaus vorsichtig. Selbst fröhliche Lieder pfiff er nicht mehr bei der Arbeit. Zur Beruhigung seiner Nerven trug Strohbach das geheimnisvoll erworbene Geld öfter in die Schenke, als es seiner Frau lieb war. Doch Monate und Jahre vergingen, ohne dass etwas geschah und die Drohung des Wassermannes war schließlich vergessen.
Im siebten Jahr nach der Fertigstellung der Orgel jedoch, begab sich der Goldmüller wieder einmal nach Elstra ins Wirtshaus. Es war eine nass-kalte Nacht und um sich aufzuwärmen, betrank er sich derart, dass er wieder lauthals zu prahlen anfing: „Niemand ist so geschickt wie ich. Selbst den Wassermann hab ich aufs Kreuz gelegt!“ Später machte er sich torkelnd auf den Nachhauseweg, kam dort jedoch nie an. Am nächsten Tag fand ihn seine Frau nahe der Schwarzen Elster – erfroren. Im Dunkeln war er anscheinend auf einer vereisten Pfütze ausgerutscht und unglücklich mit dem Kopf aufgeschlagen. Am Ende war ihm also doch noch das Wasser zum Verderben geworden.

Katrin Kutsche (Oktober 2o12, erschienen im Lausitzer Almanach)
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