Miss Marie von Brie und ihr Weg zum Glück

Kapitel 1
Miss Marie von Brie war zweifellos die am besten aussehende junge Dame im heiratsfähigen Alter der kleinen Stadt Highjoke; von schlanker, doch wohlgeformter Figur, mit ebenmäßigem Gesicht, leuchtenden braun-grünen Augen, einem strahlenden Teint und einem Lachen, das selbst die Sonne hinter den Wolken hervorzulocken im Stande war. Als einzige Tochter der vermögenden Baronin von Brie konnten auch weniger wohlmeinende Zeitgenossen ihre Zukunftsaussichten nur als glänzend bezeichnen. Vermögen und Schönheit nährten die Hoffnung ihrer Verwandtschaft – sowie selbstverständlich der gesamten Einwohnerschaft Highjokes –, dass Miss von Brie schon bald eine glänzende Partie machen würde. Dieser allgemeinen Erwartung standen lediglich zwei Dinge im Wege: ihre große Klugheit und ihre wohl durchdachten, berechtigten Ansprüche an die Persönlichkeit ihres künftigen Ehemannes. So ausgeprägt waren diese schockierenden Charakterschwächen von Marie, dass es dementsprechend bisher keinem einzigen Herren gelungen war, ihr das Wasser zu reichen.
In der Tat“, pflegte sie zu sagen, „kann ich mir nicht vorstellen, dass es auf dieser Welt ein Mann vermag, mich wahrhaft zu fesseln. Solange annehmbare Intelligenz sich hinter überbordendem Stolz versteckt, Höflichkeit hinter Affektiertheit und Vertrauenswürdigkeit hinter Falschheit – wie es nur allzu oft der Fall ist – sehe ich für mein künftiges Eheleben keinerlei Hoffnung!“
Ihre verehrte Frau Mutter, die Baronin von Brie, konnte bei derlei Erklärungen lediglich verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und laut ausrufen: „Mein Gott, Kind! Sag doch nicht so etwas – wenn dich jemand hört!“ Marie warf daraufhin gewöhnlich ihr Haar über die Schulter zurück und machte auf dem Absatz kehrt, um aufgebracht – doch niemals wirklich übellaunig – das Zimmer zu verlassen. „Was habe ich bei ihrer Erziehung nur falsch gemacht?“, murmelte Frau Baronin dann mit Grabesstimme vor dem Portrait ihres verstorbenen Gatten.

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Frosch und Eule

Eines schönen Tages lag ein Frosch auf seinem Lieblingsseerosenblatt am schattigen Rand eines Tümpels. Er war recht zufrieden und döste vor sich hin. Nur ab und an blinzelte er ein wenig mit dem ein oder anderen Auge, sobald ein Insekt zu nah an ihm vorbei schwirrte. Ein plötzliches Summen rechts von seinem Ohr ließ ihn instinktiv die Zunge vorschnellen und – schnapp! – hatte er sie um eine Fliege gewickelt. „Bitte friss mich nicht!“, jammerte die Fliege angstvoll und zappelte wild. Fast hätte sie der Frosch reflexartig herunter geschluckt. Da ihm jedoch ein kleiner Plausch nach dem Mittagessen gerade recht kam, unterdrückte er diesen Impuls und antwortete lispelnd: „Hmmm … Laff mif überlgn.“ Er räkelte sich etwas und machte es sich auf seinem Blatt gemütlich. „Warum follte if dif nifft freffen?“, fragte er.

In Wirklichkeit sagten ihm Fliegen geschmacklich sowieso nicht zu. Vor allem diese ekelhaften Flügel, die ihn beim Hinunterschlucken stets in der Kehle kratzten. Brrrr! Die Fliege jedoch wusste nichts von dieser Abneigung und überlegte ihrerseits, wie sie sich aus ihrer misslichen Lage befreien könnte. Also summte sie genauso höflich wie zittrig: „Verzeiht mir, Herr Frosch, doch ich halte es für meine Pflicht, Sie vor meiner Unbekömmlichkeit zu warnen. Es würde mir leidtun, Ihnen, der Sie Herr über solch einen gut gepflegten, geschmackvollen Tümpel sind, eine Magenverstimmung zu verursachen.“ Selbstgefällig streichelte sich der Frosch den Bauch und quakte dumpf: „Tatfäffliff? Nun ja … ef wäre wirkliff nifft gut, wenn mif Bauchweh von der Inftandhaltung meinef Tümpelf abhalten würde.“
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